|
Texte
Sylvia Rüttimann
Alltägliche Unheimlichkeiten: Die photorealistischen Zeichnungen von Marcel Gähler
„Vier Uhr früh. Schnee fällt leise auf die verlassene Landstrasse. Ich steuere langsam meinen alten schwarzen VW Golf an den eng hintereinander geparkten Streifenwagen vorbei und fahre so nah wie möglich an die rot-weiss gestreiften Plastikbänder heran. Mein neuer Arbeitstag hat begonnen. Eine Leiche wurde gefunden und ich werde am Tatort erwartet, um Zeit und Art des Todes festzustellen. Ich steige aus dem Wagen und nähere mich der Fundstelle. Nicht das erste Mal beschleicht mich das Gefühl, dass, obwohl hier vor nicht allzu langer Zeit ein schreckliches Verbrechen stattgefunden hat, jetzt alles ziemlich ruhig und unspektakulär erscheint. Ein Ort wie jeder andere.“
So oder ähnlich könnte der verfilmte Kriminalroman beginnen, zu dem Marcel Gählers kleinformatige Zeichnungen eine erste Szene, einen ersten Filmstill festhalten. Man blickt auf einen Ausschnitt eines Feldes, einer Wiese oder unkrautüberwachsenen Weges. Der Ausschnitt ist in der Aufsicht wiedergegeben und so eng gewählt, dass jede ausserhalb stattfindende Ak-tion ausgeblendet bleibt. Der Scheinwerfer, der die Stelle ausstrahlt, befreit die Gräser und ins Bild ragende Äste von allen Konturen und lässt sie sich als weisse schatten-werfende Gebilde scharf von der Umgebung ablösen. In typischer Weise für eine solch helle Ausleuchtung sind nur der Vordergrund und das Mittelfeld beleuchtet, der Hintergrund versinkt unmittelbar in tiefster Schwärze. Die ganze Situation mutet unheimlich an. Mit einem Schauer stellt der Betrachter sogleich fest, dass da in der Mitte des Bildes etwas liegt: Eine Plastikhülle, die, so muss man annehmen, den toten Körper birgt. Aber halt, ist das, was man hier sieht tatsächlich so beunruhigend oder nur Phantasie? Schaut man sich weitere Blätter in der Serie der Zeichnungen an, verflüchtigt sich nach und nach der Verdacht eines kriminellen Vergehens, den man noch vor kurzem hatte, und die vermeintliche mit Plastik umhüllte Leiche verwandelt sich unversehens in eine simple Plastikabdeckung wie man sie von Pflanzen- und Gemüsebeeten her kennt. In der Tat: das sind doch keine erschreckenden Szenen, sondern Orte von fast unsäglicher Alltäglichkeit; ein Schrebergarten im Herbst oder Winter, unbepflanzte Beete, andererseits ein verlassenes Feld, ein Stück Wald, oder ein Wohnhaus in einem anonymen Vorort, ein Brunnen, schneebedeckte Äste. Es sind Orte, die man kaum wahrnimmt, die nicht der Rede wert scheinen, reizlos und vergessen. Jedoch gemahnen sie gleichzeitig auch an Tod, Verfall und Unheil, handelt es sich doch um trostlose menschenleere Herbst- und Winterlandschaften, wo verfaulende Pflanzenreste am Boden liegen, der Schnee alles zudeckt und das im Zwielicht nur verschwommen sichtbare Haus in der Ferne einer Ruine ähnlich sieht.
Marcel Gählers vorliegende Zeichnungen entstanden in den Jahren 2000 bis 2003. Es handelt sich um insgesamt ....... Einzelbilder, die sich einerseits zu einer Serie zusammenfügen lassen, gleichzeitig aber auch als individuelle Werke gedacht sind und somit keiner bestimmten Anordnung folgen müssen. Deutlicher als um zeitliche Abfolgen, handelt es sich bei Marcel Gählers Zeichnungen um Variationen ähnlicher Sujets. Die Zeichnungen sind mit 6,2 x 9,1 cm äusserst klein. Dies ist erstaunlich, gerade wenn man sich die teilweise sehr grossen Formate der Malereien und der seit neustem entstandenen Aquarelle ansieht. Tatsächlich beschäftigt sich der Künstler nicht nur mit verschiedenen Medien sondern auch ganz unterschiedlichen Formaten. Trotz dieser vermeintlichen Vielfalt haben die unterschiedlichen Kunstformen nun vor allem in einem Punkt sehr viel miteinander gemeinsam; sowohl in der Malerei als auch in der Zeichnung bedient sich der Künstler einer Photographie als Vorlage. Angefangen hat es damit, dass er, noch in der Ausbildung zum Zeichenlehrer, auf seinen Fahrten von Winterthur, seinem Wohnort, nach Zürich aus dem Fenster des Zuges mit seiner Kamera Bilder schoss und die so entstandenen verwackelten Photos als Vorlagen seiner an der Kunstschule ausgeübten Malerei benutzte. Für seine späteren Zeichnungen bilden auch weiterhin photographische Streifzüge durch die unmittelbare Gegend seines Wohnortes die Grundlage, um sie später im Atelier zeichnerisch umzusetzen. Es handelt sich also bei Marcel Gählers Werken - sei dies Malerei oder Zeichnung - um photorealistische Bilder, die gerade im Medium der Zeichnung, die gänzlich auf die Linie verzichtet und sich nur der tonalen Wiedergabe von Hell und Dunkel widmet, so nahe an die Vorlage herankommen, dass man sie auf einen ersten Blick leicht für schwarz-weisse Photographien halten könnte. Erst allmählich offenbart sich die filigrane Graphitschicht der Zeichnung.
Mit dem künstlerischen Vorgehen nach photographischer Vorlage fügt sich Marcel Gähler bewusst in eine Tradition ein, die nun schon seit einigen Jahrzehnten Bestand hat. Tatsächlich war es genau dieses Verfahren, das der Malerei in den 60er und 70er Jahren aus ihrer Krise half und sie zu neuen Höchstleistungen trieb. Wurde die Malerei anfangs der 60er Jahre wiedereinmal für tot erklärt, tauchte vor allem mit Gerhard Richter, aber auch den amerikanischen Fotorealisten und dem Schweizer Franz Gertsch Maler auf, die das alte Medium neu reflektierten und der kommenden Malergeneration neue Wege wiesen. Im speziellen war es auch eine Malerei, die sich wieder an die Gegenständlichkeit wagte, nachdem diese lange Zeit abgelehnt worden war
Marcel Gähler macht kein Geheimnis daraus, dass er sich von solchen photorealistischen Vorbildern inspirieren liess. Gerade Gerhard Richter hatte ohne Zweifel Einfluss auf den jungen Künstler. Andererseits erinnert auch Gählers Aussage, dass er die Wahl einer photographischen Vorlage als Befreiung empfindet, einer Befreiung von der Entscheidung des Motivs und der künstlerischen Subjektivität, und den Zufall als wichtig einschätzt an die Einstel-lung anderer Künstler, die nach fotografischer Vorlage arbeiten. Was ihn jedoch von vielen zeitgenössischen Künstlern unterscheidet, ist, dass er sich nicht Photographien bildnerisch bemächtigt, die er in Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und anderswo vorfand, um so zu demonstrieren, dass Malerei eigentlich nur da ist, um die bestehende medial vermittelte Bilderflut willkürlich zu reproduzieren und sich selber zu reflektieren. Vielmehr schiesst Gähler seine Fotos selber. In der Tat sind sie nicht das blosse "Zufallsprodukt", als das man sie zuerst, gerade auch wegen ihrer Unschärfe und des Künstlers Aussage halten könnte. Zu systematisch ist die Wahl der Orte, an denen er seine Aufnahmen macht; zu gezielt ist sein Vorgehen, seine Photographien zu verwackeln. Der Inhalt ist wichtiger als man denkt.
Jedoch ist es ein Inhalt, der sich schwerlich fassen lässt. Absichtlich wählt der Künstler Orte für seine Fotografien, die sich einer genauen Definition entziehen. Seine Bilder entstehen in der Dämmerung, mit Blitzlicht, bei Regen und Schnee, ja sogar unter Wasser. Sie sind verwackelt, unscharf, unprofessionell, unspektakulär. Zusätzlich arbeitet Gähler aber auch mit Mitteln, die die vermeintliche Harmlosigkeit der Bilder in Frage stellen. Die Unschärfe ist eines dieser Mittel. Die verwischte Kontur suggeriert Bewegung, Flüchtigkeit und Authentizität, die Authentizität eines davonrennenden Zeugen, eines rastlosen Täters, wie man sie aus Fernsehen und Zeitung wiederzuerkennen glaubt. Gähler lässt den Betrachter nie von vorne auf die Szene blicken, sondern wählt seine Ansicht entweder von oben oder unten, womit er den Blick des Täters oder Opfers nachzeichnet. Der Künstler manipuliert so geschickt den Betrachter, macht ihn selber zum Täter oder Zeugen, oder sogar zum Opfer. Auch das Blitzlicht nährt den Verdacht eines kriminellen Geschehens. Durch die Unschärfe, aber auch das matte Grau des Bleistifts - oder ist es Grafitstaub zur Aufnahme von Fingerabdrücken? - erinnern die Zeichnungen an aufgerasterte Zeitungsbilder, durch die grelle Beleuchtung an Polizeiaufnahmen. Aus den Unorten werden Tatorte. Es ist genau die durch die gewählten Orte, die Unschärfe und dem Standpunkt entstandene ambivalente Mischung aus Unspektakulärem und Verheissungsvoll-Unkenntlichem, aus Tat- und Unort, die Gähler reizt. Es gelingt ihm, solche Bilder zu machen, die sich an der Schnittstelle von belanglosem Schnappschuss und bedeutungsgeladener Anspielung befinden, und so einen motivischen Schwebezustand zu kreieren, der die Interpretation offen lässt und dem Betrachter Lust macht, zu spekulieren, zu rätseln, ja sogar einen eigenen Kriminalroman zu erfinden.
Sylvia Rüttimann, 2003
|